Mit dem Rennrad in den Alpen Teil 4 - Gavia Pass

Als wir gestern ins Bett gingen, war nicht klar, was unsere Beine heute morgen von dem Plan den Gavia Pass hochzustrampeln halten würden. Das erste was wir nach dem Aufwachen tun ist die Muskeln checken. Soweit alles klar. Es schmerzt und ist verkatert, aber keiner hat Dramatisches zu vermelden. Wir beginnen wieder Energy Drinks in uns reinzuschütten, aber diesmal ohne Angst (und andersfarbig). Wir wissen jetzt, dass wir Alpenpässe bezwingen können. Die einzige Frage, die sich stellt ist, ob wir einen Tag nach dem Stilfser Joch genug Körner haben, um den Gavia Pass ohne Schande zu überstehen.

(GPS-Track: http://connect.garmin.com/activity/109278205)

Wir machen uns wieder über das Frühstücksbuffet her, packen dann unsere Sachen ins Auto und fahren los Richtung Bormio. Um dorthinzukommen, nehmen wir den Umbrail Pass und stoßen dann auf die Westabfahrt des Stilfser Joches, die sich in ihrer ganzen Schönheit vor uns entfaltet. Wir fahren durch Bormio und parken unser Auto an der Via Monte Cristallo. Hier laden wir die Räder aus und machen uns auf den Weg zum Gavia Pass.

Entgegen der angeblichen Information, die Strecke würde verglichen mit dem Stilfser Joch eher flach beginnen, türmen sich vor uns direkt 9%ige Steigungen auf. Im Unterschied zum Stelvio bekommen wir aber immer wieder die Gelegenheit auf kleinen Plateaus den Puls runter zu drücken. In Valfurva bekommen wir es mit kurzen Kopfsteinpflasterpassagen zu tun, die aber eigentlich sehr fein sind und nur bei der Auffahrt etwas nerven. Bei der Abfahrt bügelen wir da mit 50 Sachen drüber. Nach Valfurva geht es eine Ewigkeit am Fluß Torrente Frodolfo entlang, ebenfalls mit Steigungen um die 8% aber wiederholten kurzen flachen Abschnitten.

Hinter Santa Caterina beginnt dann der Kampf. In zahlreichen Serpentinen windet sich die Straße jetzt zuerst am Hang des Monte Sobretta und dann am Monte Gavia entlang in die Höhe. Ab hier merken wir die Strapazen des gestrigen Tages deutlich in unseren Beinen. Wir beschließen getrennt weiterzufahren, damit jeder in seinem Rhythmus bleiben kann. Zahlreiche andere Rennradgruppen scheinen ähnlich zu verfahren. Es macht wirklich Sinn über einen längeren Zeitraum im Voraus Anstiege zu trainieren. Vor allem wenn man mehr vorhat als nur 1 Passfahrt.

Irgendwann hören die Kehren auf und es beginnt ein langer zäher Ritt am Gavia Hang. Da man fast nie mehr als 200 Meter voraus sehen kann, ist nie klar, wie lang man eigentlich noch fahren muss, oder welche Steigungen als nächstes vor einem liegen. Aus den 8% Steigungen sind mittlerweile 11-12% Steigungen ohne "Erholungs-Plateaus" geworden. Die Auffahrt wird zur absoluten Quälerei. Wer hier (wie wir) nicht aufpasst und durch kleine Asphaltunregelmäßigkeiten gezwungen wird aus den Pedalen auszuklicken, hat kaum eine Chance wieder loszufahren und einzuklicken, außer er rollt ein Stück bergab (was in dem Moment wirklich nicht wünschenswert ist). Genau wie beim Stilfser Joch, gewöhnt man sich so sehr an die ansteigende Straße, dass man manchmal glaubt, das vor einem liegende Stück wäre eben, obwohl es sich dann als eine nur 8%ige Steigung herausstellt.

Nach 2 Stunden 34 Minuten und 8 Sekunden erreichen wir den Pass. Wir sind über 25,41km ganze 1385 Meter in die Höhe gefahren. Oben am Pass lassen die Rad-, Motorrad- und Autofahrer es sich gut gehen. Manche entspannen an einem kleinen Bergsee, andere haben sich in kleine Liegen gelegt und ein Restaurant mit Bar versorgt uns mit dem, was wir am meisten brauchen: Cola.

Nach knapp 1 Stunde Pause ziehen wir uns die Windjacken an und beginnen dieselbe Strecke wieder herunterzufahren. Im oberen Teil bis zu den Serpentinen ist der Belag zerklüftet und rauh, was äußerste Vorsicht erfordert. Auch sind die leicht angedeuteten Kurven für viele Motorradfahrer eine Einladung zum Nicht-Abbremsen. Dies in Kombination mit einem Abhang der nicht von einer Leitplanke geschützt wird, bereitet uns Kopfschmerzen. Sobald aber die Baumgrenze erreicht ist und die Kehren beginnen, fängt es an richtig Spaß zu machen. Der Asphalt ist komplett neu, die Kurven sind gut ausgebaut. Die Straße ist zwar weiterhin eng, aber wir haben die Möglichkeit weit nach vorne zu schauen und eventuellen Gegenverkehr früh genug auszumachen. Nach den Serpentinen hinter Santa Caterina wird es sogar noch besser. Die Straße geht fast nur geradeaus und ist sehr breit. Die 9%ige Steigung, die jetzt für uns ein 9%iges Gefälle ist, ermöglicht uns nur durch Rollen eine Geschwindigkeit von über 60 km/h zu erreichen. Mit ein bisschen nachkurbeln erhöhen wir die Spitzengeschwindigkeit auf 73km/h.

Nicht wenig später erreichen wir auch schon das Auto und haben es geschafft. Der Gavia Pass ist landschaftlich äußerst reizvoll. Technisch hat die Strecke durchaus ihre Tücken. Das Hauptproblem, dass man nie den nächsten Streckenabschnitt sehen kann, lässt sich mit ein wenig Ortskenntnis lösen. Und mit ein bisschen Übung und Strategie lassen sich auch die Qualen reduzieren.

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