Mit dem Rennrad in den Alpen Teil 3 - Stilfser Joch

Noch vor dem Wecker klingeln die Kirchenglocken des Dorfs und voller Angst fangen wir an, literweise verschiedenfarbige isotonische Erfrischungsgetränke in uns reinzuschütten. Man soll ja gut hydriert sein. Das Wetter ist bombig. Wir trinken noch ein paar Energydrinks und gehen dann frühstücken.

(GPS-Track: http://connect.garmin.com/activity/109046024)

Das Frühstück ist saulecker und genau die richtige Grundlage für die kommenden Strapazen. Wir entscheiden uns für Brötchen, Aufschnitt und haufenweise Rührei. Dazu noch eine Kanne Kaffe und dann gehts auch schon an die Vorbereitung. Schnell noch den Flüssigkeitshaushalt mit aufgelösten Mineralstoffen aufpeppen, die Trikots mit Banana Bread Briketts vollstopfen, ein bisschen Bargeld in die Satteltasche und ab aufs Rad.

Im Ort Prad ist an einer bestimmten Stelle eine Startlinie auf die Straße gezeichnet. Hier beginnt die offizielle Zeitmessung. Nicht, dass wir uns irgendwelche Illusionen machen, in Sachen Zeit mitreden zu können, aber wenn schon dann richtig. Während wir noch damit beschäftigt sind, Fotos von der Startlinie zu machen rasen zahllose Radfahrer an uns vorbei. Einer davon ein Profi aus dem Team Leopard Trek. Ein Schleck wars nicht, aber Team-Outfit, Team-Rad und das unfassbare Tempo lassen uns annehmen, dass es nicht nur ein fanatischer Fan war.

Wir gehen langsam in den Berg. Zuerst fahren wir hinter zwei alten Männern her. Überholen wäre möglich, aber wir wollten ja langsam in den Berg gehen. Also bleiben wir einige Kilometer dahinter bis es uns irgendwann zu bunt wird. Und schon haben wir sie passiert, die erste der 48 Kehren der Passstraße.

Die Stimmung ist super. Nicht nur bei uns, sondern auch bei allen Radfahrern die wir treffen. Alle grüßen, alle sind freundlich. Selbst die Verkehrsteilnehmer sind sehr rücksichtsvoll. Als deutscher Rennradfahrer ist man es gewohnt, dass man alle drei Minuten von irgendwelchen Autos angehupt wird. Und zwar nicht, weil man ein Hindernis für das entsprechende Auto hat (Platz zum Vorbeifahren ist immer genug), sondern einfach nur weil der Autofahrer den Radfahrer belehren will, dass der Radweg zu benutzen ist. Am Stilfser Joch hupt keiner auch nur ein einziges Mal. Und das obwohl man als Radfahrer teilweise über hunderte von Metern die Straße blockiert... mit 8km/h Tempo. Unterwegs sind die unterschiedlichsten Fahrzeuge. Von Motorrädern, über Kleinwagen bis hin zu Wohnmobilen, Bussen und LKWs die tonnenweise Steine den Pass hochfrachten. Es ist beeindruckend zu sehen, wie so ein Reisebus es überhaupt durch die engen Serpentinen schafft. Dauerpräsent ist auch der Geruch von abgeriebenen Kupplungen und Bremsblöcken. Aber wenn mal kein Auto in der Nähe ist, dann genießt man frische Alpenluft sind die einzigen Geräusche, die man hört sind das eigene Schnaufen und die Kuhglocken von der Alm.

Zwischendurch wird man immer wieder überrascht von skurrilen Gestalten. Mal rennt ein Mensch mit einer Pickhacke am Hang hoch und verschwindet im Wald, mal taucht aus dem Wald ein Viehtreiber auf und steht plötzlich neben einem und mal sitzt einfach nur ein dicker Bauer auf einem Stuhl neben seiner Ziege und betrachtet das rege Treiben. Das Stilfser Joch hat ein eigenes Leben jenseits des Sporttourismus.

Die erste lange Pause machen wir nach ca. 2 Stunden und 16 km an der Franzenshöhe auf 2188 Meter. Zu dem Zeitpunkt haben wir schon insgesamt 1280 Höhenmeter erklommen. Hier kommen wir mit zwei Motorradfahrern aus Koblenz ins Gespräch, die uns zur bisherigen Leistung beglückwünschen Nach 3 Litern Cola geht es dann auf in Richtung Pass. Es wird nochmal richtig steil und die Temperaturen schwanken ständig. Immer wenn ein Wind weht, wird es sehr kalt, immer wenn es windstill ist, schneidet die Hitze ins Fleisch. Dann erreichen wir den Pass.

Wir setzen uns in ein Café und essen etwas, dann ziehen wir uns die Windjacken über und beginnen die Abfahrt. Um den Umbrail Pass zu erreichen, muss man nur das Stilfser Joch ca. 200 Höhenmeter Richtung Westen abfahren. Dann beginnt die Umbrail Passstraße ins Muenstertal. Wegen starkem Seitenwind, sind die ersten Kilometer anstrengend zu fahren. Dann erreichen wir den nicht asphaltierten Teil und auch hier ist die Fahrt sehr anstrengend. Ab dann beginnt die Abfahrt Spaß zu machen. Perfekter Asphalt gemischt mit breiten Serpentinen, Halbschatten durch die umgebenden Bäume, lange Geraden und tolle Neigungen. Auf einem langen Stück brechen wir die 70km/h Grenze nur durch Rollen. Auch nach der Abfahrt ist die Neigung der Straße weiterhin so vorteilhaft, dass wir einen 40km/h schnellen Traktor spielend überholen können. Wir fahren noch einigen Kilometer bei starkem Gegenwind und erreichen schließlich das Hotel.

Hier starten wir die nächste Tour: Durch Hallenbad, Sauna, Whirlpool und Restaurant.

Die Tour lief perfekt, das Material stimmte und unterstützte uns bei der Anstrengung, die Vorbereitung war ideal, das Wetter ebenfalls. Auch die Tatsache, dass wir Windjacken eingepackt hatten, hat uns mit absoluter Sicherheit vor einer Erkältung bei der Abfahrt bewahrt. Entgegen unserer Erwartungen haben sich unsere Bremsen so gut wie gar nicht abgenutzt. Und auch Banana Bread Briketts hatten wir ein paar zuviel dabei.

Das Stilfser Joch ist der Jakobsweg für Radfahrer. Man muss sich völlig auf seinen Rhythmus konzentrieren und geht dabei so sehr in sich, dass man das Gefühl hat, nirgendwo anders hinzugehören.

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